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NICHT IN DIE NÄCHSTE ABHÄNGIGKEIT STOLPERN

Warum wir stärker auf Effizienz und Suffizienz setzen müssen

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Prof. Wolfgang Irrek spricht im Interview zu der Transformation des Energiesektors im Zuge der derzeitigen Energiekrise und an der Schnittstelle zu Anforderungen der Mobilitätswende.

Prof. Wolfgang Irrek © privat

Prof. Wolfgang Irrek © privat

Herr Prof. Irrek, die Preise für Strom und Gas gehen durch die Decke. Sind wir an der aktuellen Misere durch unsere Gier nach billiger Energie und Versäumnisse beim Ausbau der Erneuerbaren auch selbst schuld?

Ich wäre vorsichtig mit Schuldzuweisungen. Allerdings sind im Rahmen des Kohleausstiegs schon gewisse Versäumnisse zu erkennen gewesen. Man war froh, zeitnah aus der Kohle aussteigen zu können und damit das Klima zu schonen. Dieser Schritt bringt ja auch in der Tat eine große CO2-Ersparnis mit sich. Insofern war und ist er wichtig und richtig. Er hätte nur stärker mit Leitplanken versehen werden sollen, was die Veränderungen des Marktregimes betrifft. Solche Maßnahmen wurden nicht getroffen.

Welche Maßnahmen wären das denn gewesen?

Es handelt sich um eine komplexe Gemengelage. Von daher habe ich natürlich auch keine Patentlösungen parat. Zusammen mit meinem Kollegen Prof. Michael Römmich habe ich zum Abschlussbericht der Kohle-Kommission verschiedene Fragestellungen aufgeworfen, die bis heute nicht beantwortet sind. Zum Beispiel: Besitzt das künftige Strommarktregime überhaupt genügend Anreize zum Ausbau der erneuerbaren Energien? Das ist von immenser Bedeutung, denn wenn wir von einem Energy-Only-Markt sprechen, bei dem nur die Arbeitspreise zählen und diese bei 100 % erneuerbaren Energien in vielen Stunden des Jahres gegen null gehen, bleibt die Finanzierung offen. Oder sollen sich die Preise dann an den Biomasse-Kraftwerken orientieren? Oder an den Flexibilitätsoptionen? Damit wären wir bei einem zweiten Punkt.

© Lars Kuczynski/Unsplash

© Lars Kuczynski/Unsplash

Der da wäre?

Wie kann sichergestellt werden, dass wir genügend Langzeitspeicher etc. haben? Bei einer Dunkelflaute steht ja nur ein kleiner Prozentsatz der Nennleistung zur Verfügung. Wie erfolgt der Aufbau der Speicherinfrastruktur? Wie ihre Finanzierung? Welche Rolle spielen dabei die Übertragungsnetzbetreiber? Und welche Rolle spielt der Stromaustausch mit dem Ausland? All das war auch schon vor Jahren vorhersehbar. Zweifellos nicht vorhersehbar war dagegen die dramatische Preisentwicklung beim Erdgas durch den russischen Angriffskrieg.

Ist die offene Speicherfrage die größte Hürde für die Energiewende?

Das würde ich so sagen, ja. Während einer sogenannten Dunkelflaute steht weniger als ein Prozent der Nennleistung zur Verfügung. Wir bräuchten 70 GW als Flexibilitätsoption. Wichtig: Wir sollten dabei nicht von der einen Abhängigkeit in die nächste stolpern. Zum Beispiel dürfen wir uns nicht von bestimmten Rohstoffen und Materialien abhängig machen, etwa von Lithium etc. Hier sehe ich noch jede Menge Forschungs- und Entwicklungsbedarf – wofür wiederum die Rahmenbedingungen des Marktes fehlen.

Was halten Sie von den Forderungen nach einem Preisdeckel für den Großhandel von Strom, Öl, Kohle und Gas?

Als Ökonom bin ich eher skeptisch, wenn in die Mechanismen des Marktes eingegriffen werden soll. Es wäre besser, die Finger davon zu lassen, denn die Folgewirkungen sind oft nicht seriös abzuschätzen. Stattdessen sollten Betroffenen, die besonderer finanzieller Unterstützung bedürfen, Pauschalbeiträge zur Verfügung gestellt werden. Dieser Weg ist sicherlich der bessere.

Die Corona-Krise wurde als Turbo für die Digitalisierung bezeichnet. Lässt sich für die jetzige Krise in Bezug auf die Energiewende Ähnliches behaupten?

Hier ist meine Antwort zweigeteilt: ja und nein. Auf der einen Seite muss man widersprechen, weil wir nun eine enorme finanzielle Belastung der Volkswirtschaft erleben. Damit haben wir auch weniger Möglichkeiten, in den Ausbau der erneuerbaren Energien zu investieren. Jetzt steht ganz klar das Krisenmanagement im Vordergrund. Für wegweisende Entscheidungen mit langfristiger Wirkung scheint im Moment nicht die Zeit zu sein. Auf der anderen stimmt die berühmte Formulierung von der „Krise als Chance“ aber doch. Wir erkennen nämlich alle plötzlich, welche Einsparmöglichkeiten es gibt. Die Potenziale sind enorm: Wenn ich die Heizung nur um ein Grad herunterdrehe, kann mir das mehrere Prozent an Einsparung bringen. Diese Chance wird nun gesehen und in die Tat umgesetzt.

Welchen Beitrag kann die zirkuläre Wertschöpfung leisten?

Ihr Beitrag kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es ist absolut unerlässlich, Materialien länger zu nutzen und in einem Kreislauf zu halten. Man nehme nur das Magnesium, das unter anderem in Legierungen in der Autoindustrie oder bei Verpackungen zum Einsatz kommt. Wir sprechen hier von einer Verzehnfachung der Produktion in den letzten 20 Jahren. Bei der Herstellung des Rohmaterials wird ein Vielfaches an Energie im Vergleich zu Recycling-Lösungen gebraucht. Bis zu 95 % ließen sich durch Sekundärmaterialien einsparen. Doch nicht nur aus energetischen Gründen macht das Sinn – ich verweise nur auf die derzeitigen Material- und Lieferengpässe.

Welche Rolle kann die E-Mobilität in der zirkulären Werftschöpfung einnehmen?

Es ist auf jeden Fall gut, dass bei den Batteriekonzepten – übrigens auch im stationären Bereich – die Rohstoff-Frage inzwischen immer mitgedacht wird. Sie gehört mit in den Fokus. Insofern kann die E-Mobilität einen Beitrag leisten. Allerdings bleibt die Problematik des grünen Stroms.

Was meinen Sie damit?

Die E-Mobilität macht nur Sinn, wenn sie aus erneuerbaren Energiequellen gespeist wird. Dafür aber sind viele Flächen nötig. Es entsteht eine Konkurrenzsituation mit dem Naturschutz oder der ökologischen Landwirtschaft.

Ihre Lösung des Flächenproblems?

Wir müssen stärker auf Effizienz und Suffizienz setzen: Benötigt wirklich jeder ein E-Mobil? Wenn alle Erwachsenen in Deutschland individuell auf diese Weise unterwegs sein wollten, hätten wir ein gewaltiges Energie- und Flächenproblem. In vielen Vierteln stehen die Autos schon jetzt im Halteverbot. Wo sollen da noch die Ladestationen hin? Bei intelligenten Lösungen wäre ein Verzicht auf das eigene Auto nicht negativ spürbar. Carsharing zum Beispiel kann die Freiheit ermöglichen, immer und überall auf Mobilität zurückgreifen zu können, ohne sich um Reparaturen, Versicherung etc. kümmern zu müssen. Diese Vorteile müssen noch viel stärker herausgestellt und Alternativen, darunter der ÖPNV, massiv gefördert werden.

Aktuell sind wir von einer Energiesouveränität bekanntlich meilenweit entfernt. In welchem Zeitraum können wir sie zumindest ein Stück weit zurückgewinnen?

Was die akute Krise angeht, bin ich ganz zuversichtlich, dass wir bis Anfang nächsten Jahres keine allzu großen Probleme bekommen werden. Aber wie geht es dann weiter? Was kommt nach dem Krisenmanagement ohne Atomkraft und Kohle? Da sehe ich derzeit noch keine schlüssigen Konzepte.

Würden Sie denn für eine Verlängerung der Atomkraft-Nutzung plädieren?

Wohl eher nicht. Die Atomkraftwerke bringen schon im Normalbetrieb enorme Risiken mit sich. Und was passieren kann, wenn man sich zu sehr auf Atomstrom verlässt, zeigt das französische Beispiel in direkter Nachbarschaft.

Vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. Wolfgang Irrek

ist seit August 2010 Professor für Energiemanagement und Energiedienstleistungen am Institut Energiesysteme und Energiewirtschaft der Hochschule Ruhr West in Mülheim an der Ruhr und Bottrop (www.energy-campus.de). Davor war er stellvertretender Leiter der Forschungsgruppe Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Sein Arbeitsschwerpunkt an der Hochschule Ruhr West liegt in der Lehre und Mitwirkung am weitergehenden Aufbau der Hochschule. Darüber hinaus forscht er zu nationalen und internationalen Rahmenbedingungen, Strategien und Steuerungsinstrumenten in Energiewirtschaft und Energiepolitik im Spannungsfeld zwischen Liberalisierung und Nachhaltigkeit. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf dem Bereich der Energieeffizienz und der Energieeffizienz-Dienstleistungen. Wolfgang Irrek leitet den Bachelor- und den Master-Studiengang „Wirtschaftsingenieurwesen-Energiesysteme“ und ist Mitglied im fachlichen Beirat der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF).

Autor

Daniel Boss