Köln: 11.–12.06.2025 #polismobility

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Fly like paper, get high like planes

Die Freiheit beginnt jenseits des Autos

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Der Verein paper planes e.V. zeigt, wie visionäre Ideen auf dem Skizzenblock der Berliner Mobilitätsplanung Realität werden können. Mit radikaler Kreativität erprobt das junge Team neue Nutzungskonzepte im Stadtraum – und macht ganz nebenbei die Straße wieder zum Mittelpunkt des öffentlichen Lebens.

Wenn die Autos weg sind, kommen auch Kinder wieder zum Spielen: Visualisierung aus dem „Manifest der freien Straße“. © paper planes e.V.

Wenn die Autos weg sind, kommen auch Kinder wieder zum Spielen: Visualisierung aus dem „Manifest der freien Straße“. © paper planes e.V.

Die alltäglichsten Situationen können bekanntlich große Einfälle hervorbringen. An einem regnerischen Tag im Jahr 2014 fährt Martti Mela mit dem Fahrrad durch Berlin-Kreuzberg; verärgert darüber, klitschnass zu werden. Beim Blick auf den unbenutzten Raum unter dem Viadukt der Linie U1 kommt dem finnischen Unternehmer die Idee eines Radweges unterhalb der Trasse. Während wohl schon viele Berliner:innen dasselbe dachten, wird der Gedanke diesmal manifestiert. Aus befreundeten Stadtplaner:innen, Architekt:innen und Kulturarbeitenden formt sich das Initiativprojekt „Radbahn“; und so nimmt das Konzept eines überdachten autofreien Korridors für Radfahrende Gestalt an. Ein Jahr später geht die erste Social-Media-Kampagne innerhalb kürzester Zeit viral. Um dem steigenden Arbeitspensum und Fördermittelbedarf gerecht zu werden, wird kurzerhand paper planes e.V. gegründet: ein gemeinnütziger Verein, eine Denkfabrik mit dem Anspruch, städtischen Raum neu zu denken und dabei den gestalterischen Prozess auch möglichst vielen zugänglich zu machen. „Uns interessiert die gesamte Wertschöpfungskette der Stadtentwicklung“, sagt Simon Wöhr, Kulturarbeiter bei paper planes. Gehe es zu Beginn darum, mit Visionen eine Stimmung zu erzeugen und Menschen zu begeistern, sind auch die Umsetzung und die Kooperation mit Stadtverwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft elementarer Bestandteil der Arbeit.

Die Hauptstadt wird grün

Der Siegerentwurf „VibRad“ des Architekturbüros Fabulism © paper planes e.V.

Der Siegerentwurf „VibRad“ des Architekturbüros Fabulism © paper planes e.V.

Ein Anspruch, der sich im Falle der „morgenfarm berlin“ etwas schwieriger gestaltet: Das entsprechend benannte Nachnutzungskonzept für den nicht vollendeten 16. Bauabschnitt der Autobahn 100 sieht Vertical Farming, Gastronomie sowie ein Netz von Rad- und Spazierwegen vor – eine Machbarkeitsstudie steht allerdings noch aus. Der Bundesverkehrswegeplan sieht weiterhin vor, den in den 1930er-Jahren entworfenen inneren Autobahnring durch Berlin fertigzustellen. Angesichts der politisch stark postulierten Verkehrswende und der Herausforderungen der Klimakrise sei dies völlig rückwärtsgewandt, findet Simon Wöhr. Für paper planes ist die „morgenfarm berlin“ zunächst ein Denkanstoß, wie auch auf kreative Weise mit einem derart problematischen Bau umgegangen werden könne.

So könnte der Radverkehr unter dem Viadukt der Linie U1 aussehen. © paper planes e.V.

So könnte der Radverkehr unter dem Viadukt der Linie U1 aussehen. © paper planes e.V.

Bereits „gelandete“ paper planes des Vereins sind sogenannte Pop-up-Wald-Modulare sowie die „forsTerasse“ in der Forsterstraße in Berlin. Die Ersteren dienten während der Corona-Pandemie in Form mobiler Stadtmöbel mit integrierten Pflanzenkübeln als städtische Oasen; die „forsTerasse“ wiederum bietet im Sommer vor dem Büro von paper planes e.V. Möglichkeiten des nachbarschaftlichen Austauschs.

Kreuzberger Innovationen

Bis zum ersten Umsetzungsschritt der „Radbahn“ ist es nicht mehr weit – wurde im vergangenen Sommer der Spatenstich angesetzt, so geht im Spätsommer 2023 die erste Teststrecke in Betrieb. Damit wird auch das Ende eines mehrjährigen Prozesses eingeläutet: Nach der Gründung von paper planes im Jahr 2016 riefen deren Gründer:innen zwei Jahre später den Wettbewerb „Radbahn + Innovators“ aus. Mit einem für Smart-City-Projekte zuständigen Vertreter der Senatsverwaltung in der Jury wurde der Innovationscharakter klar formuliert: die „Radbahn“ als Reallabor. Neben dem Siegerentwurf der Architekt:innen von Fabulism fließen auch Ideen anderer Beiträge in die Gestaltung der „Radbahn“ mit ein.

Kristin Karig, Architektin bei paper planes, betont, dass auch andere Branchen und Perspektiven miteinbezogen werden müssen: „Wenn nur Designer zusammensitzen, verlieren sie das Bild fürs Ganze.“ Wie holistisches Denken und digitale Innovationen zusammenfinden, soll das Reallabor irgendwann auf einer ca. 500 m langen Strecke zwischen Kottbusser Tor und Görlitzer Bahnhof zeigen. In Kooperation mit der Technischen Universität Berlin wird ein Kommunikationssystem für Ampelphasen implementiert. Radfahrer:innen können dann über dynamische rot-grüne Balken in Form von Lichtinstallationen einschätzen, ob es sich lohnt, zu bremsen oder in die Pedale zu treten. Matthias Heskamp zufolge, Architekt bei paper planes, führe das zu Belohnungseffekten durch grüne Ampeln und reduzierter Wartezeit bei Rotphasen, was auch Konfliktpotenzial von Verkehrsteilnehmenden reduziere. Dass entlang der Strecke Verdunstungsbeete und Grünanlagen auf ehemaligen Parkplätzen entstehen und deren Pflastersteine zum Bau von Interaktionsräumen verwendet werden, unterstreicht den ganzheitlichen Ansatz der Denkfabrik.

Statt Autos: Tomaten aus Neukölln. Das Vertical Farming der „morgenfarm berlin“ soll es möglich machen. © paper planes e.V.

Statt Autos: Tomaten aus Neukölln. Das Vertical Farming der „morgenfarm berlin“ soll es möglich machen. © paper planes e.V.

„Straßen befreien“

Mit dem „Manifest der freien Straße“ setzten die Berliner:innen zum Wurf Richtung Zukunft an. Von der Stiftung Mercator unterstützt schloss sich paper planes mit dem Wissenschaftszentrum Berlin und der TU Berlin im Herbst 2020 zu einem Konsortium zusammen, um die Konzeptphase des Manifests wissenschaftlich begleiten zu lassen. Sieben Thesen – darunter zur Mobilität, Wirtschaft und zum Klima – formulieren eine Vision, wie die Straße künftig anders genutzt werden könnte. Dabei essenziell: das Potenzial des öffentlichen Raumes als urbanes Gemeingut. Während Straßen über Jahrtausende Orte alltäglichen Lebens gewesen seien, wo gewirtschaftet, gehandelt und gespielt wurde, so führe die Besetzung der Straße durch das Auto zum Verlust sozialer Interaktion – und damit auch zu sozialem Unverständnis und gesellschaftlichen Entfremdungen. Aktuelle Trends wie künstliche Intelligenz könnten dabei helfen, autofreie Straßen wieder Wirklichkeit werden zu lassen: etwa durch eine intelligente Auslastung von Sharing-Angeboten oder der Bedarfssteuerung in der Logistik. Über den technischen Lösungen stünden aber immer die Bilder neuer und alternativer Nutzungen, die in den Köpfen der Menschen erzeugt werden sollen.

Kreuzberger Kreativität: Das Team von paper planes vor seinem Büro in der Forsterstraße, Berlin-Kreuzberg. © paper planes e.V.

Kreuzberger Kreativität: Das Team von paper planes vor seinem Büro in der Forsterstraße, Berlin-Kreuzberg. © paper planes e.V.

Wenn der Song „Paper Planes“ der britischen Rapperin M.I.A. die Hymne für die Freiheit der Immigration ist, dann liefert der Berliner Verein das visuelle Pendant für die Straße.

Autorin

Csilla Letay