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Digitale Planung für die Mobilitätswende

Kiel bekommt eine Tram

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Nils Jänig schildert, wie das Unternehmen Ramboll ein neues Straßenbahnnetz für Kiel plant.

Eine Abkehr vom Individualverkehr ist für die Mobilitätswende dringend erforderlich, in der Stadtplanung müssen daher die Weichen zum Umstieg auf nachhaltige Mobilitätskonzepte gestellt werden: Denn nur ein integratives Denken von Fuß- und Radwegen sowie des ÖPNV sorgt für lebenswerte Kommunen für alle Bürger:innen. Unsere Expert:innen haben seit 2020 ein integratives Nahverkehrskonzept in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel erstellt. Bei der Planung kamen modernste Tools zum Einsatz.

Kiel bekommt eine Tram

© Landeshauptstadt Kiel

In den vorangegangenen Jahrzehnten richtete sich die Stadtplanung auf den motorisierten Individualverkehr aus – das Auto hatte oberste Priorität. Die Ergebnisse sind heute in allen deutschen Innenstädten sichtbar, die Radfahrer:innen oder Fußgänger:innen kaum mitdenken. In der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel wurde die letzte Tramlinie 1985 eingestellt. Die Stadt Kiel hat sich nun entschieden, einen anderen Weg einzuschlagen und die Mobilitätswende mit dem Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) voranzutreiben. Seit 2020 verglichen unsere Expert:innen Nahverkehrskonzepte im Rahmen einer Machbarkeitsstudie. Die zentrale Aufgabe war, ein geeignetes Verkehrsmittel für die Ausweitung des ÖPNV zu finden – zur Auswahl standen aufgrund der geografischen Gegebenheiten ein Straßenbahnnetz und ein Bus-Rapid-Transit-System (BRT). Mögliche Streckenverläufe, die Verknüpfung mit anderen Verkehrsträgern und ein Betriebskonzept, das auch Fuß- und Radwege mit einbezog, wurden verglichen. Zur Darstellung der Ergebnisse kamen unterschiedliche Tools und Software-Lösungen zum Einsatz. Der gesamte Planungsprozess wurde mithilfe intensiver Nutzung des Programms ArcGIS Pro der Firma Esri begleitet.

Tramverbindung durch das lebenswerte Kiel

Für die Bewertung der beiden untersuchten Optionen – BRT und Tram – verwendeten wir über 46 Kriterien: unter anderem Nutzungsfreundlichkeit, Betriebsablauf, Kosten und Umweltaspekte mit messbaren Auswirkungen auf die Lebensqualität in der Stadt. Bei der Entwicklung der Kriterien flossen auch Rückmeldungen aus der Bürger:innenbeteiligung ein. Alle Kieler:innen waren aufgerufen, ihre Wünsche zur zukünftigen Mobilität zu äußern. Wir begleiteten diesen Prozess mit verschiedenen Online-Formaten und Vor-Ort-Veranstaltungen.

Wir bei Ramboll arbeiten mit einem interdisziplinären Team für Verkehrs- und Landschaftsplanung sowie Bürger:innenbeteiligung zusammen. Kolleg:innen aus Helsinki und aus Kiels Partnerstadt Aarhus, die ihre Expertise aus ähnlichen Projekten in Finnland und Dänemark einbringen konnten, ergänzen das Team. So können wir eine ganzheitlich nachhaltige Planung umsetzen. Das erfolgte unter Nutzung von AutoCAD, um die Planungen in Lage und Höhe durchzuführen. Die städtebauliche Integration des Projektes erfolgte von unseren Landschaftsarchitekten zunächst als Handskizzen mit Photoshop. Die Ergebnisse wurden abschließend als hochwertige Visualisierung erstellt. Dazu wurden verschiedene Tools wie SketchUp für den Modellbau, Lumion für das Rendern und Photoshop für die „Atmosphäre“ genutzt. Der Planungsprozess wurde mit dem Programm ArcGIS Pro begleitet. Dieses Tool wird für die räumliche Planung genutzt, um die relevanten Informationen und Daten durch ein intelligentes Datenbankmanagementsystem zu erfassen, verwalten, analysieren und zu präsentieren. Durch die Verschneidung sämtlicher Daten (also durch das Übereinanderlegen von Ebenen unterschiedlicher Inhalte) lassen sich optimale Ergebnisse zur Auswertung und Bewertung erzielen. Die Ergebnisse können allen Projektmitgliedern jederzeit zur Verfügung gestellt werden. Dies kann in klassischer Form als thematische Karte im PDF-Format, als Multilayer-PDF mit An-/Ausschaltmöglichkeit der einzelnen Ebenen und als Online-Geoinformationssystem (GIS), das eine selbstständige interaktive Nutzung der Themenkarten erlaubt, geschehen. Unsere Kunden haben so eine stets aktuelle Informationsgrundlage über sämtliche Projekt-Parameter sowie die Möglichkeit des direkten Austausches mit dem GIS der Stadt Kiel.

Alle Kriterien wurden auf Grundlage einer festgelegten Bewertungssystematik qualitativ und quantitativ bewertet. Um die Systeme vergleichbar zu machen, wurden für alle Kriterien Punkte auf einer Skala von „nicht erfüllt“ (0 Punkte) bis „voll erfüllt“ (10 Punkte) vergeben. Punkten konnte die Stadtbahn vor allem bei Leistungsfähigkeit, urbaner Integration, Betriebskosten und Förderfähigkeit. Auch beim Thema Umwelt schneidet die Tram stärker ab, da sie besser zu einer an den Klimawandel angepassten Straßenraumgestaltung beiträgt: Während beim BRT für die Trasse große Flächen versiegelt werden müssten, können für die Tram in weiten Teilen begrünte Rasengleise eingesetzt werden. Vor allem aber schneidet die Tram bei den langfristigen Betriebskosten günstiger ab. Für jeden Euro, den die öffentliche Hand in die Tram investiert, wird ein volkswirtschaftlicher Nutzen von 1,47 Euro erwartet (beim BRT-System nur 1,10 Euro). Alles in allem zeigte sich, dass die Tram das deutlich nachhaltigere und zukunftsfähigere Verkehrssystem für die Stadt Kiel ist.

Im November 2022 stimmte auch die Ratsversammlung der Stadt Kiel formal für das Tramsystem. Nun beginnen die weiteren Planungs- und Bauarbeiten. Auch hier wird die gute Zusammenarbeit der Stadt mit Ramboll fortgeführt. Die erste Linie soll zwischen 2033 und 2034 in Betrieb genommen werden, dabei wird das bestehende Bussystem in das neue Netz integriert. Am Beispiel Kiel zeigt sich, wie die Mobilitätswende gelingen kann: Ein altbekanntes Verkehrsmittel wird in die moderne Stadtplanung integriert und es entsteht ein hochwertiges Verkehrssystem für alle. Die Stadt macht auf diese Weise einen ebenso großen Schritt in Richtung Klimaneutralität.

NILS JÄNIG

NILS JÄNIG

NILS JÄNIG © Ramboll

hat in seiner Berufskarriere hauptsächlich an technischen Stadtbahn- und Regionalbahnprojekten mitgewirkt. In den letzten 20 Jahren war der studiere Verkehrswesen-Ingenieur weltweit tätig, z. B. in London, Utrecht, Kopenhagen oder Jerusalem. Er arbeitete dort in den Bereichen Fahrzeuge, Betrieb, EMV, ITCS und ökonomische Bewertungen.

RAMBOLL

ist eine internationale Ingenieur-, Architektur- und Managementberatung, die 1945 in Dänemark gegründet wurde. Die 17.000 Expert:innen sind das Herzstück von Ramboll. Sie entwickeln nachhaltige, eigenständige und multidisziplinäre Lösungen in den Bereichen Hochbau, Transport & Infrastruktur, Wasser, Architektur & Landschaftsarchitektur, Energie, Umwelt & Gesundheit und Management Consulting.

Autor

Nils Jänig