Köln: 24.–26.05.2023 #polismobility

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NEUES AUF ALTEN GLEISEN

EINE VISION IM EINKLANG MIT DER UMGEBUNG

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Das Schicksal der schlechten Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln teilen viele kleinere Orte im ländlichen Raum. Eine Gruppe Studierender aus Kiel erstellte dazu das Konzept für ein innovatives Gefährt, das Dörfer auf kurzen Strecken mit geringem Energieaufwand verbinden kann – auf stillgelegten Bahngleisen und mitten durch die Natur.

Sitzen, festhalten oder anlehnen: Die Handläufe sind flexibel nutzbar. © Lea Haats/Konstantin Wolf/Erik Mantz-Hansen

Sitzen, festhalten oder anlehnen: Die Handläufe sind flexibel nutzbar. © Lea Haats/Konstantin Wolf/Erik Mantz-Hansen

Der ABACUS – die Vision eines modernen Gefährts, das einer Handvoll Passagiere Platz bietet, sich auf einer idyllischen Strecke zwischen Bad Segeberg und Groß Rönnau gemütlich hin und her bewegt und dabei zum spontanen Aufsteigen einlädt, ähnlich wie ein Paternoster, aber in der Horizontalen. Die Idee dazu kam drei Design-Studierenden der Universität Kiel im Rahmen eines Studienprojekts zum Thema „Öffentliche Mobilität im ruralen Raum in Schleswig-Holstein“. Gefördert wurde das Projekt von der EKSH (Gesellschaft für Energie und Klimaschutz Schleswig-Holstein). Bei der Strecke handelt es sich um eine ehemalige Bahnlinie mit stillgelegten Gleisen, die noch bis vor etwa 50 Jahren Bad Segeberg mit Kiel verbunden hat und damals sowohl für den Güter- als auch den Personenverkehr genutzt wurde. Für ihr Projekt haben sich die Studierenden auf den Abschnitt bis nach Groß Rönnau fokussiert.

Ob auf dem Land oder in der Stadt: Der ABACUS ist für stillgelegte Gleise konzipiert.

Ob auf dem Land oder in der Stadt: Der ABACUS ist für stillgelegte Gleise konzipiert. © Lea Haats/Konstantin Wolf/Erik Mantz-Hansen

„Uns war es wichtig zu sehen, wie die Strecke in das jeweilige Dorfgefüge eingebunden war, wie sie mit der dortigen Infrastruktur zusammenhing. Außerdem wollten wir herausfinden, welche Emotionen mit der Bahn verbunden sind. Wie anders war das Leben, als es noch diese Bahn gab, wie sah der Alltag aus?“ – Viele Fragen, die sich die Gruppe um den Design-Studenten Erik Mantz-Hansen stellte. Auf der Suche nach den Antworten wurde viel Wert darauf gelegt, mit Zeitzeug:innen zu sprechen, die die Existenz und die aktive Nutzung dieser Bahnstrecke noch mitbekommen haben. Es stellte sich heraus: Die Unterschiede zwischen damals und heute sind groß. Früher spielte sich das Leben der Bewohner:innen hauptsächlich im Dorf ab: Üblicherweise arbeitete man dort, kaufte in den Geschäften ein paar Straßen weiter ein und traf in Wirtshäusern oder beim Bäcker die Nachbar:innen. Die steigende Nutzung des Autos änderte den Alltag der Dorfbewohner:innen drastisch. Es gab fortan neue Möglichkeiten, etwa einen Job anzunehmen, der weiter entfernt war oder die Einkäufe im größeren und günstigeren Supermarkt im nächstgrößeren Ort zu erledigen. Die Gewohnheiten passten sich an die neuen Gegebenheiten an und förderten den Ausbau einer autogerechten Infrastruktur. Der Radius eines jeden wuchs, Läden im Dorf mussten schließen, viele Schienen wurden überflüssig und schließlich stillgelegt. Eine Entwicklung, die man in zahlreichen ländlichen Gebieten beobachten kann.

Mit einer simplen Handgeste wird das Gefährt angehalten.

Mit einer simplen Handgeste wird das Gefährt angehalten.© Lea Haats/Konstantin Wolf/Erik Mantz-Hansen

Mit dem Konzept ABACUS begibt sich das Entwicklungsteam auf die Spuren der damaligen Bahnen, genauer gesagt auf deren Gleise. Fast vergessene Traditionen werden wiederbelebt, um die Relevanz der ländlichen Mobilität ins kollektive Bewusstsein zu bringen und den Status quo mit einer innovativen Idee aufzumischen. Zur Zielgruppe gehören im Grunde alle, die in der Region wohnen oder sie besuchen. Pendler:innen, Schulkinder, Bewohner:innen, die alltägliche Besorgungen machen müssen, genauso wie Tourist:innen, die einfach mal die Umgebung erkunden wollen.

Der ABACUS soll sich mit bis zu 20 km/h fortbewegen, was in etwa der Geschwindigkeit eines Fahrrads entspricht. Nicht allzu schnell, aber genau richtig für die kurzen Distanzen, die es hier zu überwinden gilt. „Die Bahn fuhr auch damals meist sehr langsam, sodass man einfach aufspringen und zum nächsten Dorf mitfahren konnte. Im Grunde war es das Gefühl, das wir auch aufgreifen und reproduzieren wollten“, berichtet Erik Mantz-Hansen und verweist darauf, dass in dem neuen Konzept keine festen Haltestellen vorgesehen sind. Man hält das Fahrzeug stattdessen mit einer einfachen Handgeste an, was sowohl von innen als auch von außen funktioniert. Somit behält man als Passagier:in jederzeit die Kontrolle über das Fahrzeug und kann es anhalten, wann immer man möchte. Die Seiten sind und bleiben offen, denn die Strecke verläuft entlang eines Wanderpfades und genau wie bei einer Wanderung soll man auch bei der Fahrt mit dem ABACUS möglichst eng mit der Umgebung verbunden sein. Es ist ein Spaziergang, der durch das Fahrzeug abgekürzt wird. „Die Prämisse ist, dass man gar nicht die Erwartung hat, wettergeschützt in einem abgeschlossenen Zug oder Bus zu sitzen, denn man hätte die Strecke sonst zu Fuß überwunden. Wir hätten auch eine Scheibe einsetzen können, aber dann hätten wir den gleichen Archetypen wie ein kleiner autonomer Bus oder eine Bahn“, so Mantz-Hansen.

So könnte die Fertigung aussehen: Ein Großteil der technischen Komponenten soll dabei in den Seiten verbaut werden.

So könnte die Fertigung aussehen: Ein Großteil der technischen Komponenten soll dabei in den Seiten verbaut werden. © Lea Haats/Konstantin Wolf/Erik Mantz-Hansen

So könnte die Fertigung aussehen: Ein Großteil der technischen Komponenten soll dabei in den Seiten verbaut werden.

So könnte die Fertigung aussehen: Ein Großteil der technischen Komponenten soll dabei in den Seiten verbaut werden. © Lea Haats/Konstantin Wolf/Erik Mantz-Hansen

Da der Plan vorsieht, dass das Fahrzeug recht leicht ist und sich dabei langsam fortbewegt, hält sich der Energieverbrauch theoretisch in Grenzen. Klassischerweise würde bei einem solchen Gefährt auf Schienen die Stromversorgung über eine Oberleitung funktionieren, was in diesem Fall jedoch aufgrund der Bäume neben der Strecke nicht umzusetzen wäre. Auch der Einsatz von Akkus im ABACUS kam für das junge Team aufgrund der mangelnden Nachhaltigkeit und des Umstands, dass diese immer wieder aufgeladen und ausgetauscht werden müssten, nicht in Frage. Dementsprechend sieht der Plan nun vor, die Energieversorgung mithilfe eines unterirdisch verlaufenden Kabels zu gewährleisten, das das Fahrzeug induktiv lädt.

Ob die Vision tatsächlich realisiert wird, steht bislang noch nicht fest. Bisher ist es ein Konzept mit viel Recherche, zahlreichen Skizzen und einem 3D-Modell. Ein Denkanstoß, der die Mobilität in ländlichen Gebieten ins Gespräch bringt und zeigt, dass Von-A-nach-B-Kommen nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass man im Auto, abgeschottet von der Umgebung, auf einer breiten Schnellstraße in die nächstgrößere Stadt fährt. Wer mal etwas langsamer unterwegs ist und bewusst auf die Umgebung achtet, hat gleich ein viel besseres Gespür für Distanzen. Manchmal ist eben auch der Weg das Ziel.

Autorin

Marina Fischer